Bin ich andersrum?

Ich war nicht davon überzeugt, dass ich schwul bin, bis ich mich zum ersten Mal in einen Mann verliebt habe. Von da an war es klar. Es geht nicht darum, ob du mit einem Mann oder einer Frau ins Bett gehst, sondern in wen du dich verliebst.
(George Michael, Der Spiegel Nr. 15 vom 5. April 2004)

 

Plötzlich kommt der Moment, in dem Du denkst – “bin ich vielleicht nicht hetero? Bin ich vielleicht gay?” – Unsicherheit, vielleicht sogar Angst kommt in Dir auf. “Nicht normal!” Schießt es Dir in den Kopf – was werden sie sagen, die Freunde, die Eltern, die anderen Verwandten und Bekannten? Ja sogar was die Nachbarn oder jeder x-beliebige Mensch, dem Du über den Weg läufst, denken könnte, wird zum Problem. Es könnte ja jemand sehen oder herausfinden…

Vielleicht doch lieber darauf achten, wie man sich bewegt? Ist diese dumme Hand schon wieder zu sehr abgenickt? Betont man nicht alles so das es sich irgendwie schwul anhört? Oder verhält man sich als Mädchen irgendwie „typisch lesbisch“? Nicht das es jemandem auffällt…

“Vielleicht bin ich ja doch normal” – wieder Unsicherheit. “Wie merkt man das denn überhaupt?!” fragst Du Dich…

So, oder so ähnlich geht’s nicht wenigen, die den Verdacht haben nicht heterosexuell zu sein. Selbst wenn kein Grund dafür besteht, das Bekannte oder Verwandte “es” herausfinden würden, ziehen sich manche Sicherheitshalber zurück. Besser wird die Situation dadurch allerdings selten…

Aber ersteinmal zurück zur Frage, wann Mann denn schwul und Frau lesbisch ist…

Schwul oder lesbisch zu sein heißt, sich sowohl emotional (also gefühlsmäßig) als auch sexuell zum gleichen Geschlecht hingezogen zu fühlen. Man verliebt sich also ins gleiche Geschlecht und findet es auch sexuell attraktiv. Soweit die einfache, theoretische Definition.

Ganz so einfach ist’s nicht

Wie man selbst merkt das man wirklich auf’s gleiche Geschlecht steht – also jedenfalls nicht Heterosexuell im klassischen Sinne ist, lässt sich aber dennoch nicht immer so einfach beantworten, wie man vielleicht denken könnte. Denn manchmal driften sexuelle und emotionale Wünsche, Gefühle und Bedürnisse stark auseinander. Aus den verschiedensten Gründen. Oder jemand endeckt plötzlich Seiten an sich, die er vorher selbst nicht kannte und weiß nicht wie er damit umgehen soll. Dann kann es sehr lange – in manchen Fällen Jahre – dauern bis man sich selbst eingesteht, auf andere Männer bzw. Frauen zu stehen und sich sagt: “ich bin schwul”, “ich bin lesbisch” (“inneres Coming Out”) und bis man vor anderen dazu stehen kann (“äußeres Coming Out”).

Manche können es sich zum Beispiel einfach nicht vorstellen, als Mann mit einem Mann oder als Frau mit einer Frau zusammenzuleben oder eine Beziehung zu haben. Oder sie denken, sie dürften nicht so empfinden. Es widerspricht vielleicht ihren eigenen moralischen, gesellschaftlichen, kulturellen oder familiären Vorstellungen – oder äußerer Druck ist der Grund: das soziale Nahfeld, wie die Familie oder gute Freunde droht deshalb zu zerbrechen, weshalb man Angst hat, plötzlich ganz alleine dazustehen – oder noch schlimmer: die eigene körperliche und seelische Unversehrtheit ist in Gefahr, z.B. weil Homosexualität von anderen nicht akzeptiert wird. Trotzdem wünschen sich diese Menschen emotionale und / oder sexuelle Nähe zum eigenen Geschlecht. Innere Konflikte entstehen. In diesen Fällen, kann professionelle Hilfe von außen notwendig sein, die nicht darauf abzielt, die Homosexualität “wegzumachen” oder jemanden zu einem heterosexuellen “umzuprogrammieren”, sondern darauf, dass der Betroffene lernt, zu sich und seinen Gefühlen zu stehen, sie zu akzeptieren.

Nur Du kennst Dich genau!

Ob Du schwul bzw. lesbisch – oder bisexuell bist, kann niemand – außer Du selbst – zutreffend beantworten. Du musst selbst herausfinden, was Du bist. Daran führt kein Weg vorbei. Vielleicht hilft es Dir aber etwas, wenn Du Dir folgende Fragen selbst ehrlich beantwortest:

Findest Du Jungs oder Mädchen attraktiver – wem guckst Du eher hinterher?
Verliebst Du Dich eher in Jungs oder in Mädchen?
Woran denkst Du bei der Selbstbefriedigung – an Jungs oder an Mädchen?

Wenn Du jetzt drei mal als Junge “Jungs”, und als Mädchen “Mädchen” gesagt hast – dann könnte das durchaus deutlich darauf hindeuten, dass Du auf’s eigene Geschlecht stehst – und schwul bzw. lesbisch bist. Ob das wirklich so ist, musst Du aber wie gesagt selbst herausfinden. Meistens hilft es sehr, sich mit anderen zu unterhalten (oder zu chatten). Schau mal in unsere Linkliste. Selbst wenn Du unsicher bist, kannst Du übrigens zu einer schwul-lesbischen Jugendgruppe in Deiner Nähe gehen. Auch das wird Dir helfen, Unsicherheiten zu beseitigen.

.... Und wie ist das bei Dir: wie lange denkst Du schon darüber nach, ob Du schwul, lesbisch oder bi bist, ohne Dir sicher zu sein? (Oder wie war das früher bei Dir?)

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“Ist doch nur ‘ne Phase!”

Oftmals kommt auch die Frage auf, ob “es” nicht vielleicht nur eine Phase sein könnte. Gerne werden Jugendliche im Forum einer sehr großen deutschen Jugendzeitschrift von anderen Usern mit diesem Hinweis “beruhigt”, wenn sie von sexuellen Kontakten oder von Verliebtheitsgefühlen zum eigenen Geschlecht berichten. Wenn jemand schon einigermaßen sicher ist, schwul oder lesbisch zu sein, wird er bzw. sie wieder verunsichert. Sprüche wie “in dem Alter kannst Du das doch noch nicht wissen!”, sind neben regelmäßigen Beleidigungen und abfälligen Kommentaren an der Tagesordnung.

Tatsächlich gibt es allerdings nicht wenige, die in der Pubertät homosexuelle Phantasien oder sexuelle Kontakte mit dem gleichen Geschlecht haben – die sich aber nicht langfristig zum eigenen Geschlecht hingezogen fühlen. Ein ein- oder manchmal auch mehrmaliger sexueller Kontakt zwischen zwei Jungs oder zwei Mädchen aus Neugierde (gerade zu Beginn der Pubertät!) oder ähnliche Erlebnisse, bedeuten nicht, das man schwul bzw. lesbisch ist. Genausowenig bedeutet freilich ein ein- oder mehrmaliger heterosexueller Kontakt (Junge schläft mit Mädchen), dass man heterosexuell ist.

Manche merken hingegen sehr bald, das sie sich hauptsächlich oder ausschließlich – oder jedenfalls teilweise – sowohl emotional als auch sexuell zum eigenen Geschlecht hingezogen fühlen – ohne dass sich daran etwas ändern würde – für diese Menschen hat die “Phase” kein Ende.

Keinesfalls jedoch liegt hier die Betonung auf einer “homosexuellen Durchgangsphase” – denn nicht nur die Statistiken zeigen: viele sind sich sehr früh – auch zu Beginn der Pubertät – bereits darüber im klaren, dass sie auf das gleiche Geschlecht stehen. Diejenigen damit vertrösten zu wollen, das “es” nur eine “Phase” wäre, ist falsch und wirft diese Menschen auch in ihrem Coming Out zurück.

Die Behauptung, dass man in jungen Jahren noch nicht wissen kann, ob man nun schwul, lesbisch oder bi ist, ist jedenfalls nur teilweise richtig. Denn einem Jungen, der mit 13 die erste Freundin mit nach Hause bringt und behauptet dass er auf Mädchen stünde, wird schließlich auch nicht gesagt: „Na Du weißt doch noch gar nicht ob Du nicht doch auf Jungs stehst, das kann man in dem Alter noch nicht wissen!“. Wenn man auf seine Gefühle “hört”, dann weiß dass man das gleiche Geschlecht oder das andere Geschlecht attraktiv findet – dann ist das auch so. Ob man irgendwann im weiteren Leben neue Seiten an sich entdeckt, steht auf einem anderen Blatt. Es gibt 40-Jährige die sich urplötzlich und zum ersten mal in jemanden verlieben, der das gleiche Geschlecht hat. Nichts ist unmöglich – und es ist nichts schlimmes dabei, neues an sich selbst zu entdecken. Auch wenn es sehr verwirrend sein kann. Welche sexuelle Orientierung man hat, kann man auch wissen, wenn man erst 13 oder 14 Jahre alt ist. Die heutige Sexualforschung geht heute wohl überwiegend davon aus, dass die sexuelle Orientierung von Geburt an festgelegt ist. Auf was man steht muss man also selbst im Laufe seines Lebens herausfinden – die einen sind sich früher darüber im klaren, mit welchem Geschlecht es ihnen in sexueller Hinsicht am meisten oder überhaupt Spaß macht und in welches Geschlecht sie sich verlieben, andere finden das erst später heraus. Man entdeckt also bereits vorhandenes. Deshalb “wird” man auch nicht schwul oder lesbisch, wenn man heterosexuell ist. Und auch nicht heterosexuell, wenn man schwul bzw. lesbisch ist.

.... Und wie ist das bei Dir, bist Du Dir bereits sicher, was Du bist?

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Angst vor’m Coming Out

Manche haben Angst vor’m Coming-Out. Weil die anderen vielleicht negativ reagieren. Oder weil man sich selbst nicht akzeptiert, wie man ist. Im ersten Fall hilft es manchmal die Stimmungslage zu Testen. Wenn wieder Homosexualität in den Medien Erwähnung findet, bietet es sich an dieses Thema anzusprechen – das Gegenüber verrät den Standpunkt dann, ohne das man selbst Gefahr läuft, sich zu Outen. Die entsprechende Reaktion kann ein Hinweis darauf sein, wie derjenige auf Dein Coming Out reagieren wird. Überraschend negative oder positive Reaktionen sind unabhängig davon aber nie ausgeschlossen. Denn: derjenige kennt Dich vermutlich schon länger – und Du änderst Dich nicht. Der andere weiß nur etwas mehr über Dich. Das kann dazu führen das jemand der sich zuvor allgemein negativ zum Thema geäußert hat, nun doch positiv reagiert. Oder das z.B. die Eltern, sehen – obwohl sie sich allgemein positiv geäußert hatten – den schwulen Sohn oder die lesbische Tochter überraschend als etwas negatives an. Bei nicht sofort eindeutig positiven Reaktionen sollte man selbst vielleicht – besonders bei den Eltern – etwas Rücksicht üben, und demjenigen (gerade den Eltern!) etwas Zeit geben. Man selbst hat auch Zeit gebraucht. Wenn es gar nicht geht, ist vielleicht ein Kontaktabbruch – wenigstens auf Zeit – notwendig, damit sich die Gemüter beruhigen. Dabei sollte man aber fairerweise seinem Gegenüber sagen oder schreiben, weshalb man den Kontakt abbricht, was einen verletzt hat.

Im zweiten Fall ist manchmal professionelle Hilfe notwendig. Wenn die Probleme unüberbrückbar erscheinen, vielleicht sogar Selbsttötungsbedanken auftauchen, ist es in jedem Fall an der Zeit professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Sich psychologische Hilfe zu nehmen, ist nichts wofür man sich schämen müsste. Wem es körperlich nicht gut geht, geht schließlich auch zum Arzt, ohne das jemand schief guckt. Wenn es einem seelisch schlecht geht, ist es ebenso in Ordnung, Hilfe zu suchen. Als erste-Hilfe-Maßnahme kann es auch sinnvoll sein, Kontakt zu anderen Schwulen & Lesben zu suchen, mit denen man Reden kann. Es ist auch gut, zu einer schwul-lesbischen Gruppe zu gehen: denn es ist sehr angenehm, nicht in der Minderheit zu sein.

Es hat übrigens auch keinen Sinn, gegen seine Gefühle und seine sexuelle Orientierung anzukämpfen. Diesen Kampf gegen sich selbst kann man nur verlieren.

2 Gedanken zu “Bin ich andersrum?

  1. Viele Jugendliche haben eine schwule “phase” , in denen sie oft sexuelle kontakte mit dem anderen geschlecht haben . Etwa 90 prozent aller jungs haben entweder mit einem Jungen rumgeküsst , bim masturbiren zugesehen oder mit ihm sex gehabt .

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