Coming-Out

Sei, wer du bist und sag, was du fühlst! Denn die, die das stört, zählen nicht – und die, die zählen, stört es nicht.

Theodor Seuss Geisel

Eigentlich weißt du es schon lange, dass Du als Junge anders fühlst als andere Jungs, dass Du als Mädchen anders bist, als andere Mädchen, wenn es um das Thema Liebe geht. Aber so richtig wahrhaben willst Du es eigentlich nicht wirklich, deshalb blieb alles bisher Dein großes Geheimnis. Trost spendet die Formel: „Das ist nur eine Phase, das geht vorbei…“. Aber so lange Du auch gehofft und gewartet hast – die Phase hielt an und ein Ende ist nicht abzusehen…

Vielleicht hattest Du als Junge schon eine Freundin. Möglicherweise bist Du auch mit ihr ins Bett gegangen. Das Prickeln aber, das Du beim ersten Kuss mit einem anderen Jungen verspürt hast (vielleicht auch nur bei dem Gedanken daran!), lässt sich nicht toppen. Kein Girl der Welt kann die Schmetterlinge in Deinem Bauch so sehr Durcheinander wirbeln, wie dieser süße Boy. Und das ist nicht nur in diesem Fall so…

Als Mädchen hattest Du vielleicht schon einen Freund, hast mit ihm rumgeknutscht – möglicherweise hast Du auch mehr mit ihm gemacht. Die Gefühle, die Du bei der Mitschülerin aus Deiner Klasse oder Deiner besten Freundin hast, sind aber viel stärker als sie es bei jedem Jungen jemals sein könnten…

Auf diese oder jene Weise fühlt mancher Junge, manches Mädchen – es kann aber auch wieder ganz anders sein. Eins aber haben alle gemeinsam: Irgendetwas läuft nicht so wie bei den meisten anderen. Die Gefühle spielen ein wenig mehr verrückt, als bei der Mehrheit.

Geht das irgendwann vorbei?

„Bin ich wirklich so, oder geht das vorbei?“, ist doch oft der erste Gedanke. Viele irren innerlich zunächst lange im Kreis und verdrängen diese lästigen Fragen. Aber irgendwann kommt der Zeitpunkt: Man erträgt diesen Teufelskreis des Selbstbetrugs aus Abwarten und Vertrösten nicht länger. Man will endlich rauskommen aus dem Gefühlschaos – raus kommen, to come out: Die Zeit ist reif für das Coming-out!

Komm raus aus dem Schrank!

Coming-out – das bedeutet:

  • Sich nicht mehr vor den eigenen Gefühlen zu verstecken.
  • Die Fähigkeit haben, endlich ja zu sich selbst sagen zu können.
  • Schluss machen mit dem Selbstbetrug, den Lügen gegen sich selbst und andere.
  • Vor sich und anderen zu seinen Empfindungen stehen können, ohne sich dafür zu schämen.
  • Schwulsein, Lesbischsein , Bisexuellsein als einen Teil der eigenen Person zu akzeptieren.
  • Mut haben und Mut machen, anderen Menschen zu zeigen, dass man in bestimmten Lebensbereichen anders fühlt als die Mehrheit.
  • Endlich ausleben dürfen, wovon man so lange geträumt hat.
  • und vieles mehr…

Gemeinsam sind wir stark!

Einige nehmen solche oder ähnliche Lebenseinstellungen leicht an. Für andere dagegen kann es ein langer und beschwerlicher Weg sein. Alleine aber muss niemand diesen Weg gehen. Es gibt mehr Jungs und Mädchen, die unterwegs sind und die genauso fühlen wie Du, als so mancher glaubt (sogar in Südbaden!).

Wichtig ist aber, dass sich niemand bloß auf seine Sexualität reduzieren lässt. Schwul-, Lesbisch-, Bisexuell- oder Pansein ist nur eine Eigenschaft von vielen, die Dich als Person ausmachen. Das solltest du nicht vergessen!

„Ich bin …!“

Das wichtigste und schwierigste Coming-out ist zuerst einmal das vor sich selbst. Viel ist geschafft, wenn man sich ohne Zögern eingestehen kann: „Ich bin schwul“, „ich bin lesbisch“, „ich bin bi / pan“.

Meistens kommt erst danach kommt das klärende Gespräch mit anderen Menschen, am ehesten mit dem besten Freund oder der besten Freundin – oder eben mit dem Menschen, dem man am meisten vertraut.

Auch wenn das erste Gespräch wahrscheinlich mit jemanden gesucht wird, von dem man annimmt, dass er mit hoher Wahrscheinlichkeit positiv reagieren wird: Wer hat nicht Angst davor?

Reagiert der andere wirklich gut?
Was ist, wenn „es“ sich rumspricht?
Was werden die anderen dazu sagen?
Endet damit die Freundschaft, und die anderen ziehen sich zurück?

Tatsächlich passiert so etwas Schlimmes aber nur ganz selten. Die wirklich besten Freunde sind auch nach dem Coming-out die besten Freunde geblieben. Denn sie haben eins verstanden: du bleibst du, es ändert sich nichts – sie Wissen nur mehr über dich, denn so gefühlt hast du auch schon vor deinem Coming-out.

.... Und wie ist das bei Dir, bist Du geoutet?

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„Mama, Papa – ich muss mit Euch reden!“

Schwieriger kann es aber sein, wenn man vor dem Punkt steht, seinen Eltern reinen Wein einzuschenken. Die wenigsten denken dabei daran, dass auch die Eltern ihr Coming-out haben – manchmal sind sie damit völlig überfordert. Leicht können sie dann in diesem Moment der Überforderung sehr ablehnend und verletzend oder mit Trauer und Vorwürfen reagieren. Bisweilen haben Eltern auch heute noch ein stark verzerrtes Bild von Schwulen bzw. Lesben und dazu noch große Angst vor den Reaktionen der „Leute“.

Wichtig ist es in diesem Fall, auch den Eltern Zeit zu lassen, sich an diese unerwartete, für sie neue Seite ihres Sohnes, ihrer Tochter zu gewöhnen. Ein Standardrezept gibt es leider nicht, aber jede Information hilft, die Vorurteile und Klischeebilder zurechtrücken.

Es gibt jedoch – auch das sei hier erwähnt – auch etliche Eltern, die absolut locker reagieren, und kein Problem mit dem Schwul- oder Lesbischsein des eigenen Kindes haben, die zum Beispiel zu ihrem Sohn sagen: „dann Frühstücken wir eben morgens mit Deinem Freund, statt Deiner Freundin – das ist doch nichts schlimmes!“.

Ungewissheit, wie jemand reagiert!?

Es kommt manchmal – oder auch häufig – vor, dass man nicht so richtig weiß, welche Reaktion einen bei einem Coming-out vermutlich erwartet. Je näher man jemandem steht, desto schwieriger ist es eventuell sogar, dass einzuschätzen: man ist selbst betroffen, hat Hoffnungen, Erwartungen und auch Ängste – und plötzlich weiß man gar nicht mehr so richtig, wie man den anderen einschätzen soll, demgegenüber man sich offenbaren will.

In so einem Fall gibt es mehrere Strategien, die man anwenden kann, um sich sicherer zu werden oder besser vorbereitet zu sein. Die sind natürlich nicht nur – aber eben auch – für ein etwaiges, bevorstehendes Coming-out nützlich. Die Strategien und deren einzelnen Elemente sind natürlich kombinierbar. Du kannst dir also auch eine eigene zusammenbasteln. Solltest du auch, denn nicht alles ist für jede Person und/oder in jeder Situation passend. 😉

Strategie 1: Best and worst case durchspielen

Zunächst kannst du dir überlegen, was die Beste oder positivste Reaktion wäre, die du der anderen Person zutraust – dazu zählen auch positive Reaktionen, die du für eher sehr unwahrscheinlich hältst.

Anschließend kannst du dir überlegen, was die schlimmste Reaktion der Person sein könnte. Auch hier gilt: auch sehr unwahrscheinliche, negative Reaktionen, oder etwas was du der Person eigentlich nicht zutraust, gehört dazu.

Beides kannst du sowohl für „spontane / kurzfristige“ Reaktionen und „mittel- und langfristige“ Reaktionen durchspielen und es aufteilen. Vielleicht reagiert jemand zunächst aus Überforderung mit Wut, Enttäuschung, Trauer oder ähnlichen Gefühlsausbrüchen und Katastrophenreaktionen, reagiert mittel- und langfristig gesehen dann aber doch positiv und bittet für die erste Reaktion um Entschuldigung.

Falls du Schwierigkeiten bei dieser Einschätzung hast, erinnere dich an zurückliegende Meinungsverschiedenheiten, an Reaktionen auf (überraschende) Nachrichten, die die Person negativ empfunden hat. Etwas, was die Person unangenehm, vielleicht ekelig oder schlimm fand – und an positive Reaktionen auf für sie (überraschend) „gute“ Nachrichten, etwas was sie mochte oder worüber sie sich gefreut hat.

Überlege dir auch, ob eine neutrale Reaktion oder ein „plötzlich nichts mehr sagen“ als Reaktion auftreten kann.

Spiele all das, den „best case“ und den „worst case“ im Kopf durch.

Das dient zunächst dazu, zu versuchen, die Person strukturiert einzuschätzen – und gleichzeitig hilft es dir, falls der „worst case“ eintritt, nicht davon überrascht zu werden – und angemessen reagieren zu können.

Strategie 2: Stellvertreter-Reaktion

Achte auf Reaktionen zu Thema Homosexualität von der Person, bei der du dich outen willst bzw. erinnere dich daran, wie diese Reaktionen bisher waren. Du kannst eine solche Reaktion auch provozieren.

Manchmal sind allgemeine Reaktionen auf das Thema Homosexuelle („Schon wieder diese Schwulen im Fernsehen!“ / „Oh, die zwei Männer sind ja ein süßes Pärchen“) ein Hinweis, wie sie auf dein Coming-out reagieren könnten.

Könnten! Denn je nachdem wie du zu der Person stehst, der du dich offenbaren willst, und wie euer Verhältnis ist, fällt eine Reaktion dann in manchen Fällen anders aus: Die Reaktion kann bei einem besonderen Näheverhältnis (Eltern – Kind / Beste Freunde) auch ganz anders (nämlich unerwartet positiv oder negativ) ausfallen. Manche Eltern, die sich vorher allgemein negativ über Homosexuelle geäußert haben, reagieren, wenn plötzlich das eigene Kind betroffen ist, und den Eltern bewusst wird, was sie da – manchmal über Jahre hinweg – gesagt haben, überaus positiv. Auch das Gegenteil ist möglich.

Wenn es bisher keine „allgemeine Reaktion“ gab, kannst du eine provozieren. Erzähle von einem (filtiven) Freund eines Freundes, der sich geoutet hat oder von dem „jeder vermutet, dass der gay“ ist. Oder von einem Star oder Politiker, von dem du „gar nicht wusstest“, dass diese Person schwul / bi / pan / lesbisch / queer ist. Erwähne einen CSD in der Nähe… Frage deine „Zielperson“ nach ihrer Meinung!

Strategie 3: Andere befragen!

Bist du dir z.B. bei deinen Eltern nicht sicher, hast aber einen anderen Verwandten / Freunde, denen du’s sagen kannst oder die es schon wissen, Frage diese Personen, wie sie deine Eltern einschätzen. Die Tante oder der Onkel, die Oma oder der Opa können die Situation möglicherweise sehr gut einschätzen und können dir im Falle einer unangenehmen Katastrophenreaktion der Eltern auch helfen und Unterstützung bieten. Auch deine Freunde können dir womöglich sagen, wie sie deine Eltern einschätzen.

Du schaffst das auch!

Jeder findet für sich einen eigenen Weg, ob, wie und bei wem er sich einmal outet. Für die einen ist es auf einmal kein Problem mehr, es praktisch jedem zu erzählen, für die anderen stellt sich in jedem neuen Bekanntenkreis irgendwann einmal von neuem die Frage. Jeder hat die Freiheit, darüber zu bestimmen, wie er sein Lesbisch- oder Schwulsein nach außen vertritt – genauso wie es keinen Zwang zum Verstecken geben darf, darf es auch kein Zwangsouting geben.

Du hast Fragen zum Coming-out? Bei uns Rosekids findest Du Ansprechpartner. Uns ist es wichtig, für Dich da zu sein, wenn Du Dich mit Deinem Coming-Out beschäftigst. Auch andere Einrichtungen, wie beispielsweise die Rosa Hilfe (in Freiburg, Tel: 0761 25161 oder 0152 02927689 oder per E-Mail: telefon@rosahilfefreiburg.de) oder das Beratungstelefon des Frauen- und MädchenGesundheitsZentrum e.V.
(Mi 9.30 – 12.00 Uhr und Do 15.00 – 18.00 Uhr unter der Rufnummer 0761 2021590). bieten sich als Ratgeber an.

Wenn Du erst einmal gehört und gesehen hast, dass andere Jungs & Mädels vor demselben Problem stehen oder standen wie Du, wird es sicher auch Dir leichter fallen, damit zurecht zu kommen. Manches ist gar nicht mehr so schlimm, wenn Du weißt, dass Du wirklich nicht alleine bist. Vor allem wirst Du feststellen, wie angenehm es ist, nicht in der Minderheit zu sein, wenn Du zu uns kommst, oder zu einer anderen (Jugendgruppendatenbank) schwul-lesbischen Jugendgruppe gehst.

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